Manuel Neuer

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Manuel Neuer zu Besuch bei den Kinder- und Jugendtrauergruppen von Lavia Institut für Familientrauerbegleitung.

Diesem Tag haben die Kinder und Jugendlichen schon lange entgegen gefiebert. Sie durften niemandem verraten, wer an diesem 12. Mai im Garten am Weidekamp zu Gast sein wird und sie haben dicht gehalten, denn schließlich wollten sie ihn allein für sich haben.

Nationaltorhüter Manuel Neuer saß einen Nachmittag lang mit Kindern und Jugendlichen zusammen, deren Eltern oder Geschwister verstorben sind. Sie alle gehören den Trauergruppen von Mechthild Schroeter-Rupieper an, die sich mit ihrem Institut Lavia um Menschen sorgt, die Verluste verarbeiten müssen.

Der Termin kam im Rahmen der Manuel Neuer Stiftung "Kids Foundation" und der "Vorbild Aktion" von Lavia Familientrauerbegleitung zustande.

In einem runden Pfadfinder-Zelt sitzen sie in kleinen Gesprächsgruppen mit Manuel Neuer, Sebastian Buntkirchen, dem Geschäftsführer der Manuel Neuer Kids Foundation, Thomas Spiegel, Pressesprecher des FC Schalke 04 sowie Marius Rupieper und Gina Krause, die zum Betreuerteam der Trauergruppen gehören, zusammen.

Manuel Neuer ist der zweite prominente Gast der "Lavia-Vorbild-Aktion". Vor ihm besuchte schon Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski die Trauergruppen.

An diesem Tag kommt Manuel Neuer nicht, um über Fußball zu sprechen. Er ist auch nicht da, um allein durch seine Prominenz "traurige" Kinder fröhlich zu machen.

Die hier miteinander im Gespräch sind, kennen Traurigkeit sehr genau - und trotzdem sitzen hier keine traurigen Gestalten. Es sind Kinder und Jugendliche, die stark sind, weil sie gelernt haben, sich in ihrer Trauer auszudrücken, zu sprechen, zu fragen. Sie haben gelernt, Hilfe anzufordern und sie auch anzunehmen. Sie wissen, dass in ihrer Situation Trauer und Spaß gleichberechtigte Gefühle sind.

Als vor einem Jahr Oberbürgermeister Frank Baranowski Gast war, ließ er sich mit den Kindern, Jugendlichen und Eltern auf einen Erfahrungsaustausch in Augenhöhe ein. Denn ihm ist Verlust durch Tod aus eigener Erfahrung bekannt. Dadurch entstand die jetzt mit Manuel Neuer fortgesetzte "Vorbild-Aktion":  Jeder Mensch erleidet große Verluste im Laufe seines Lebens. Das ist hart, wenn es einen schon als Kind oder Jugendlichen "erwischt", aber dennoch kein Grund, ein ewiger Verlierertyp zu werden. Wer lernt, mit seiner Trauer umzugehen, dem wird sie auf seinem weiteren Lebensweg nicht schaden viele stärkt es sogar.

Manuel Neuer ließ sich bei seinem Besuch in Ückendorf auf viele Fragen, Gedanken und Gespräche ein. In ihnen ging es beispielsweise um heftige Verluste. Darum, dass gar nicht selten traurigen Ereignissen positive folgen. Um Konzentrationsstörungen drehten sich die Gespräche ebenso wie um die Frage, wie man mit unangemessener Neugierde von Außenstehenden an Tragödien wie Tod oder Trennung umgeht.

Manuel Neuer

Als das Thema "Männertrauer" auftaucht, meint Dominik (18) er glaube, als Sohn müsse er schneller mit der Trauer um den verstorbenen Vater fertig werden als andere. Schließlich müsse er seiner Mutter zur Seite stehen.

Um Tränen ging es, als der achtjährige Lars und zwei andere Jungen erzählten, dass sie weinen müssen, wenn sie traurig sind. Andere erklärten, sie würden versuchen, stark zu sein - und nicht weinen. Das sah Manuel Neuer anders. Mit einem persönlichen Beispiel stellte er dar, dass man(n) auch Stärke beweise, wenn man Tränen zulasse. Er stellte der Runde die Frage, ob es nicht sogar ein Zeichen von Schwäche sei, sich seine Tränen zu verkneifen um als cool zu gelten.

Wenn ein Nationaltorwart, der aufrichtig und sympathisch einer großen Gruppe entgegentritt, den Mut hat, über Gefühle zu sprechen, dann wird niemand in der Runde diese Argumente vergessen. Sie werden nicht unbedingt für das eigene Leben 1:1 übernommen, aber ganz sicher bedacht.

Nach über einer Stunde kamen noch 20 jüngere Kinder dazu und die Gesprächsgruppen wurden zu einer großen lockeren Runde: Manuel Neuer auf einer Holzkiste sitzend, die Jungen und Mädchen im Alter zwischen fünf und 23 Jahren im Schneidersitz auf dem Boden vor ihm. Ein bunter Katalog von Fragen prasselte auf den Profifußballer ein und alle wusste er zu beantworten: "Wie geht ihr mit Niederlagen in eurer Mannschaft um", "Was ist dein Lieblingsessen", "Wie fühlt es sich an, einen Ball oder mehrere ins Tor geschossen zu bekommen", "Wie weit kannst du werfen", "Was war die traurigste Sache in deinem Leben", "Hast du ein Haustier", "Wie findest du deinen Trainer", "Welchen Autotyp fährst du und wie oft wechselst du die Wagen", "Was sagt deine Freundin dazu, wenn du für Fan-Fotos mit Mädchen posierst"?

Bevor sich Manuel Neuer mit offensichtlicher Freude für unzählige Fotos in den Arm nehmen ließ und Autogramme gab, kam die Abschlussfrage für alle: "Glückssträhnen gehen zu Ende, Erfolg vergeht und mit Geld kann man sich nicht alles kaufen. Wenn du das Gefühl hast, die Welt bricht um dich herum zusammen, wer und was zählt dann noch in deinem Leben" Die Antworten waren eindeutig, egal von wem sie kamen: "Familie", "Freunde", "Glaube" - und die "Hoffnung" auf wieder bessere Zeiten.

Manuel Neuer

Nachklang aus der Praxis von Lavia Familientrauerbegleitung:

Einige Tage später traf ich den achtjährigen Tom auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Er hatte kurz vorher von seinem Vater erfahren, dass seine Mama bald sterben würde.

Ich stand mit ihm neben dem Bett der Mutter und fragte nun nach vielen anderen Themen, die auf die Trauer bezogen waren, was er am Abend noch zu Hause machen würde.

Er sagte: "Das Pokalspiel gucken!" Und als ich fragte, was seine Mama heute gemacht hätte, würde sie nicht im Krankenhaus im Koma liegen, sagte er: "Auch Schalke gucken".

Ich schlug ihm vor, den Spielverlauf für Mama aufzuschreiben und ihr morgen beim Besuch im Krankenhaus davon zu erzählen. Und wir sprachen über die Spieler, die Chancen und ich erzählte von Manuel Neuer, der bei seinem Besuch bei verwaisten Kindern sagte "wenn Männer mal weinen, ist das ok wenn es um etwas Trauriges geht".

Am nächsten Morgen bekam ich von Toms Oma einen Anruf. Beide Männer, Vater und Sohn, hätten auf dem Nachhauseweg im Auto angehalten und zum ersten Mal voreinander geweint, aber auch zum ersten Mal richtig miteinander gesprochen. Und dann zusammen das Pokalspiel angeschaut. Und sich über den Pokalsieg gefreut.

Am anderen Tag haben sie der Mama davon erzählt, auch wenn sie schon nicht mehr reagieren konnte. Auf Mamas Sarg waren eine Woche später eine Sonne, ein Herz, Handabdrücke, Namen und auch das Emblem des FC Schalke 04 gemalt.

Auch wenn Manuel Neuer nicht durch sein persönliches Zutun zu den Reaktionen von Vater und Sohn beigetragen hat, so hat er mit seinem Besuch bei Lavia doch auf die Arbeit mit trauernden Familien Einfluss genommen und wird auch auf Dauer durch Erzählungen Einfluss nehmen. Und das ist gut.

Danke Manuel.

www.neuer-kids-foundation.de
www.familientrauerbegleitung.de
www.foerderverein-trauerbegleitung-ev.de

NEUES BUCH

Geschichten, die das Leben erzählt: weil der Tod sie geschrieben hat
Buch von Mechthild Schroeter- Rupieper. Erschienen am 13. Februar 2017

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