Ein geliebter Mensch stirbt. Familienmitglieder, Angehörige und Freunde, sind fassungslos. Es ist unbegreiflich, dass dieser Mensch nicht mehr da ist, das eigene Leben aber weitergeht. Wohin mit dem Schmerz? Wie trauern? Und: Gibt es ein Leben nach dem Trauerprozess?
Herr Meier, ein 56-jähriger Ehemann und Vater zweier Kinder stirbt nach einer längeren Erkrankung. Seine Frau, die 53-jährige Witwe wirkt stark. Sie plant die Beerdigung, erklärt die Situation den Kindern, ist ansprechbar auch für die verzweifelte Schwiegermutter, organisiert alles, was anfällt. Man spürt ihre Traurigkeit, aber niemand sieht ihre Tränen. Die Schwiegermutter dagegen hört nicht auf zu weinen. Immer wiederholt die 78-Jährige das Unbegreifliche, dass sie so alt sei und noch lebe, ihr Sohn dagegen tot sei. Sie fühlt sich körperlich geschwächt, selbst der Haushalt "bleibt liegen". Appetit hat sie keinen.
Simon, der 17-jährige Sohn der Familie tut so, als sei nichts geschehen. Er fragt die Mutter, ob er überhaupt mit zur Beerdigung müsse. "Das hilft mir nicht weiter und den Papa bringt das Theater da auch nicht zurück!" isteine seiner wenigen Reaktionen. Tochter Laura, 15 Jahre alt, weint sehr viel. Sie beginnt, einen Abschiedsbrief an den Vater zu schreiben und gestaltet ein Blumengesteck für die Beerdigung. Auch sucht sie Gespräche, weniger in der Familie, eher mit einer Gruppenleiterin aus der Kirchengemeinde. Am Tag nach der Beerdigung geht sie zum Volleyballtraining.
Die Trauer einseitig erleben
Wer wie Simon seine Trauer verdrängt, sammelt in sich häufig ungelöste Gefühle an, ohne zu wissen, wie viel tatsächlich auszuhalten ist. Es ist gut möglich, dass ein kleiner Anlass, beispielsweise ein harmloser Streit, das "Trauerfass" zum überlaufen bringt und niemand diese Überreaktion nachvollziehen kann. Vielleicht erkennt "der Verdränger" sich dann selber nicht wieder, hat sich nicht mehr "im Griff', weil er vorher den Umgang mit Trauerreaktionen nicht geübt, sondern vermieden hat. Menschen, die Traurigkeit verdrängen, tun dies ja meist nicht nur bei Todesfällen, sondern in vielen alltäglichen Krisensituationen.
Und was interessant ist: Wer Traurigkeit vermeidet, kann in der Regel auch keine offene Freude, keine herzliche Fröhlichkeit empfinden. Gefühle sind miteinander gekoppelt. Wer das eine nicht intensiv empfinden kann, wird auch das andere nicht so erleben.
Wer nur weint, wie die Mutter von Herrn Meier, kommt vielleicht aus der Traurigkeit nicht heraus, versinkt in einer depressiven Phase. Den "Denkern" in der Trauer kann es dagegen passieren, dass sie nur noch sachlich reagieren. Wenn Frau Meier, die Witwe, betont sachlich bleibt, ständig logisch und organisatorisch handelt, sich keine Ruhe, keine eigene Gefühle und keine Zeit der Trauer gönnt, verlernt sie vielleicht auf Dauer, ihre Emotionen zu zeigen.
Manche Menschen reden über Trauer anstatt zu trauern. Äußere Gefasstheit, die Kontrolle über Gefühlsreaktionen, kann auch Monate oder Jahre später als Folgereaktion Schlafstörungen oder Angstattacken bewirken. Laura, die 15-jährige Tochter, hat im Gegensatz dazu schon angefangen, mehrere Reaktionen für sich zu nutzen. Sie weint, sie redet, sie handelt, in dem sie schreibt und ein Blumengesteck gestaltet.
Sie nimmt sich auch durch das Volleyballtraining eine Trauerauszeit, die erholsam sein kann. Vielleicht macht sie das unbewusst, hilfreich ist es sicher. Denn für die Bewältigung eines Todesfalles ist es wichtig, verschiedene Emotionen, Sachlichkeit, Aktivitäten und auch das Vermeiden von Trauer miteinander in Einklang zu bringen. Alle Reaktionen der Familie Meier und ihre Kombinationen untereinander sind in der Trauerzeit - wie im normalen Alltag auch wichtig.
Einfache Rezepte gibt es nicht
Es gibt nicht DAS Rezept für Trauerarbeit. Menschen reagieren in fröhlichen, in alltäglichen und auch in krisenbesetzten Zeiten vom Typ her unterschiedlich. Gute Trauerarbeit ist immer da, wo der zurückgebliebene Mensch die Trauer, also Gefühle, Gedanken und auch Reaktionen erst mal auf seine Art und Weise zulässt. Der eine weint, der andere schweigt, wieder jemand liest ein Buch über die Trauer, gestaltet Feste an Erinnerungstagen, denkt nach. Andere werden aktiv, unterstützen die eigene Familie, gestalten die Trauerzeit kreativ mit oder vermeiden nach Möglichkeit jede Konfrontation mit dem Trauerfall.
Es ist wichtig zu wissen: Ja, jede dieser Reaktionen darf sein, denn jeder Mensch bringt dadurch seine Trauerreaktion zum Ausdruck. Diese darf von außen nicht nach Qualität bewertet werden. Nicht die, die am meisten weinen, erleiden den größten Verlust. Tränen sind oft heilsam, demonstrieren für die Umwelt auch ein sichtbares Gefühl, ein Bild der Trauer nach außen. Tränen können aber auch nach innen geweint sein, nicht erkennbar für andere.
Meli, eine junge Witwe, saß mit ihrem 5-jährigen Sohn Yannik eine Woche nach der Beerdigung ihres Mannes furchtbar traurig in der Wohnung. Draußen regnete es in Strömen, drinnen fiel ihr die Decke auf den Kopf "Komm", sagte sie plötzlich zu ihrem Sohn. "Komm wir gehen raus. Und du brauchst dir keine Jacke anziehen, es ist ja warm. " Im Innenhof fanden die beiden eine große Pfütze - und sprangen darin herum. Ausgelassen, überdreht - gerade die richtige Aktion für die beiden in diesem Augenblick der großen Trauer.
Am nächsten Tag wurde sie angesprochen. Ein Nachbar hatte die beiden durch das Fenster beobachtet und meldete ihr zurück, dass er schon überrascht sei, wie schnell die Traurigkeit der jungen Witwe dem Anschein nach vorübergegangen sei ...
Trauerzeiten
Eine gute Voraussetzung, die Trauerzeit gestärkt zu bestehen, ist es meist, wenn die Tage vom eingetretenen Tod bis hin zur Beerdigung intensiv zum Abschied, zum Begreifen im wahrsten Sinne des Wortes genutzt werden. Im ersten Jahr erlebt man dann zum ersten Mal alles "ohne dich". Allerdings fühlen viele Trauernde im zweiten Jahr die Traurigkeit und Verlassenheit stärker. Der Verlust wird bewusster und spürbarer, unter anderem in der Beziehung, im Haushalt, bei den Finanzen, im Alltag, in der Freizeit.
Nachdem man tatsächlich den Tod begriffen hat, wird man eine große Vielfalt der Gefühle durchleben müssen: Trauer, Wut, Angst, Erleichterung, Freude, Sorge, Freiheit, Wut, Hoffnung, um nur einige zu benennen. Die Umwelt verändert sich meist durch den Verlust und man muss oft sein neues Leben darauf einstellen.
Wenn der Verstorbene auf Dauer einen Platz in der Erinnerung bekommt und nicht mehr den Mittelpunkt im Leben und Denken einnimmt, wird es eines Tages wieder möglich sein, neue Erlebnisse oder Pläne für den Alltag zu machen, vielleicht auch eine neue Beziehung einzugehen.
Chris Paul, Trauerbegleiterin, drückt es so aus: "Die Kunst des Trauerns besteht darin, eine Balance zwischen beiden Zeiten des Verlustes und der Gegenwart herzustellen, so dass beide gut nebeneinander auszuhalten sind."
Wertvolle Hilfe
Wenn Menschen Informationen, Austausch oder Unterstützung in Trauerzeiten suchen, können Sie sich an Hospize, selbständige Trauerbegleiter oder Kirchengemeinden wenden. Hier gibt es in jeder Stadt Kontaktstellen. Auch Trauergruppen für Erwachsene, Kinder oder Jugendliche sind wertvolle Helfer. Erkundigen Sie sich in allen Fällen, ob die Begleiter eine qualifizierte Trauerausbildung haben. Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist auf eine entsprechende Basis zu achten.
Bei Vermittlungsfragen bundesweit können sie auch das Lavia Institut für Familientrauerbegleitung kontaktieren (www.familientrauerbegleitung.de). Bei akutem Gesprächsbedarf wählen Sie bundesweit kostenlos die Nummer der Telefonseelsorge, hier erhalten Sie Anlaufstellen in Ihrer Region (0800-1110111 oder 0800-1110222).
Fragen Sie auch im Buchhandel nach Trauerratgebern und Erinnerungsbüchern, die von Trauernden mit Erinnerungen ausgestaltet werden können.
Mechthild Schroeter-Rupieper